In San Telmo wird getanzt – und genossen
Buenos Aires - Die Stirn sanft an seine Wange gelegt, lässt sie sich vom Manne führen. Sicher hält er sie fest, geht sinnlich einen, dann zwei bedachte Schritte vorwärts. Sie folgt ihm. Die Musik wird energischer - die Schritte, die Bewegungen des Paares ebenfalls. Das ist Tango. Melancholische Musik und engumschlungene Paare. Jeden Sonntag erlebt man das auf der Plaza Dorrego im Stadtviertel San Telmo von Buenos Aires. Dort, wo angeblich der Tango geboren sein soll.
San Telmo ist eines der ältesten Viertel der argentinischen Hauptstadt. Hier lebten früher die reichen Familien. Als das Gelbfieber im Jahr 1871 ausbrach, wechselten die Gutbetuchten den Wohnort, zogen in den Norden der Stadt, nach Palermo. Die Kolonialhäuser blieben zurück und geben heute San Telmo seinen besonderen Charme.
Viele Künstler und Handwerker leben in San Telmo, zahlreiche Tango- Lokale, Cafés und Restaurants säumen die teils gepflasterten Straßen. Das Viertel ist an jedem Wochentag einen Spaziergang wert. Den Straßen entlang, die zur Plaza Dorrego führen, reihen sich aneinander Antiquitäten- und Gebrauchtwarengeschäfte. Tafelsilber, Lampenschirme aus der Belle Epoque oder riesige englische Porzellanfiguren – alles Mögliche gibts zu ersteigern. Während der argentinischen Sommermonate stuhlen die meisten Cafés heraus, gemütlich kann man einen Cortado (Espresso mit Milch) und eine Media Luna (Kipferl) zu sich nehmen. Zu Abend bietet sich an, eine Parrilla - Fleisch vom Grill - essen zu gehen. Alleine in der Calle Defensa finden sich mindestens vier solche karnivore Restaurants.
Wer Musik will, kommt ebenfalls nicht zu kurz. Tangokonzerte und –shows finden täglich statt sowie eine Vielzahl anderer Musikkonzerte wie Jazz, Rock und Pop. Aber auch zahlreiche Bars, wo der Argentinier und der Tourist bei einem Quilmes-Bier ins Gespräch kommen, gehören zum Angebot des Nachtlebens.
In den letzten Jahren ist San Telmo eine Touristenattraktion geworden. Es ist aber keineswegs nur ein Ort für den Ausländer. Auch der Argentinier flaniert gerne sonntags durch San Telmo. Denn der Sonntag ist ein ganz besonderer Tag. Die Plaza Dorrego, auf welcher sonst Tische und Stühle der anliegenden Cafés stehen, wird zu einem bunten Flohmarkt. Stand um Stand klebt aneinander. Rundherum und in den Nebengassen stellen sich Künstler und Straßenhändler auf. Sie preisen Fotografien, selbst gemalte Bilder mit Che-Guevara-Konterfei oder handgemachte Stricksachen an. Andere verkaufen auf Tüchern ausgelegt Mates, das Trinkgefäß der Yerba. Wiederum andere stoßen eine Art Kühlbox auf Rädern vor sich hin und rufen laut: „Preiswerte Brötchen – mit Käse, Schinken oder Salami. Gute Frau, extra für Sie, preiswerte Brötchen.“ Der Mann in weißer Schürze und Kochmütze wird umzingelt, die Brötchen verkaufen sich wie warme Semmeln. Brillen, Kleider, Tragtaschen, argentinische Flaggen, gebrannte Mandeln, Schmuck, ... die Liste der angepriesenen Ware ist lang.
Das Pünktchen auf dem „i“ sind die unzähligen künstlerischen Performances, die auf der Plaza, aber auch auf der langen Calle Defensa, dargeboten werden. Alle paar zehn Meter trifft man auf eine Traube von Menschen, die entweder über die Kapriolen des Puppenspielers lacht, Salsa zur Musik der kubanischen Band tanzt, den Fuß zu Bossa-Nova-Musik wippt oder entzückt einem Paar Tango tanzen zusieht. Die Stimmung ist locker, einladend und erholsam. Wer nicht nur schauen will, der kann auf der Plaza Dorrego gleich selbst aktiv werden. Inmitten der Stände wird bereits zur Nachmittagstunde Tango aufgelegt. Wer schon eine kleine Ahnung hat, schnappt sich einen Partner und kreist über den extra ausgelegten Tanzboden. Man muss kein Profi sein. Wer sich allerdings nicht wagt, muss nicht verzagen: Etwa um 19 Uhr fängt der Tangounterricht für Anfänger und Fortgeschrittene an. Es ist eine besondere Stimmung, wenn es allmählich eindunkelt und der Deutsche, Franzose, Kolumbianer, die Schweizerin, Kanadierin, aber auch die Argentinierin sich in den ersten sinnlichen Tangoschritten versuchen. Rundherum stehen zig Leute und schauen zu. Unter anderem die alten Hasen in Sache Tango, die sobald der Kurs zu Ende geht, die Anfänger auffordern und über die Tanzfläche ziehen. Zur Sommerzeit wird der letzte Tango erst um Mitternacht getanzt.
Tango… San Telmo: Bohème pur.
Camilla Landbø
Argentinisches Tageblatt
Sonderausgabe 2007